Bereits Ende der 80er Jahre wagte der damals als Musikregisseur beim Schweizer Radio, Studio Basel, tätige Jürg Jecklin einen Versuch: Im Rahmen einer Demonstrationssendung führte er die Möglichkeiten und vor allem auch die musikalische Notwendigkeit vor, bei der Aufzeichnung und Übertragung von Musik von der bis dato gebräuchlichen Zweikanal-Stereophonie abzurücken, um zusätzlich zur Links-Rechts-Information auch eine räumliche Tiefen-Ortung zu ermöglichen.
Für diese Sendung und die nachfolgenden wurden zwei Ketten des Deutschschweizer Radios (meist DRS 1 und DRS 2) zusammengeschaltet, um eine vierkanalige (quadrophone) Übermittlung zu ermöglichen. Beim Rundfunkhörer war durch dieses Verfahren außer der Bereitschaft, zwei komplette Stereo-UKW-Empfangsanlagen aufzubauen, keine besondere Gerätschaft (Decoder usw.) erforderlich.
Der ersten Demonstrationssendung folgten etwa vier bis fünf weitere, die letzte mit großem zeitlichen Abstand im Frühjahr 1990.![]() |
WiedergabeBeim Hörer werden vier Lautsprecher aufgebaut: Die zwei Frontkanäle im klassischen 60°-Stereodreieck, die beiden hinteren Kanäle seitlich und etwas vor (!) dem Hörer (Winkel ca. 120°). Wie sich experimentell leicht nachweisen lässt, ist die seitliche Aufstellung für die realistische Wiedergabe von binauralen Aufnahmen am günstigsten. Alternativ wurde vorgeschlagen, für die Wiedergabe der Seitenkanäle einen offenen Kopfhörer zu verwenden, oder ein Stereo-Kofferradio, nach oben abstrahlend, direkt vor den Hörerplatz zu legen. Nebenstehende Abbildung zeigt die empfohlene Aufstellung mit vier separaten Lautsprecherboxen. Grau eingezeichnet ist der relativ große, optimale Hörbereich. Mit dieser Aufstellung erfolgte eine deutliche Abgrenzung vom Quadro-Standard der 70er-Jahre. Jecklin reklamierte für seine Aufstellungsvariante einen deutlich erweiterten Hörbereich im Unterschied zum ausgeprägten "sweet spot" der klassischen vier-Raumecken-Quadrophonie. |
Obwohl ein Teil der HiFi-Presse enthusiastisch berichtete, konnte die von manchem erhoffte Pilotwirkung auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk außerhalb der Schweiz nicht erzielt werden. Auch innerhalb der Schweiz war wohl die Belegung zweier Senderketten für ein doch begrenztes Publikum auf Dauer nicht durchsetzbar, obwohl die zu später Stunde (nach 22 Uhr) ausgestrahlten Sendungen meist beachtliche Zuhörerzahlen erzielten.
Die ARD-Anstalten mit ihrer ausgeprägten Nähe zur Plattenindustrie waren zu ähnlichen Versuchen überhaupt nicht bereit; man kann sogar von einer Blockadehaltung sprechen.
Erstaunlicherweise stieß Jecklin auch bei einigen Verfechtern der "alten" Quadrophonie auf Unverständnis, von denen seine Forderung nach einer gegenüber den Konzepten der 70er-Jahre nochmals überarbeiteten, primär hör- und musikgerechten Aufstellung der Lautsprecher bis heute als "halbe Lösung" abgelehnt wird.
Für die Einführung eines neuen Tonträgers war die Zeit noch nicht reif: Gerade erst begann sich der Erfolg der CD, die erst seit 1983 auf dem Markt war, abzuzeichnen; die Industrie wollte und musste hier zunächst ihre Entwicklungskosten wieder einspielen. (Der CD-Standard sieht zwar die Möglichkeit vor, mit vier Kanälen zu arbeiten. Praktisch wurde dies niemals verwendet, da eine Halbierung der Spielzeit die Folge gewesen wäre, und eine Wiedergabe auf herkömmlichen CD-Spielern nicht möglich wäre).Jürg Jecklin hat das OQS-System inzwischen weiterentwickelt und an den De-facto-Standard, nämlich die 5.1-Surround-Lautsprecheraufstellung angepaßt. Da bei dieser Aufstellung die beiden rückwärtigen Lautsprecher hinter dem Hörer stehen, ist die oben beschriebene Anordnung der Mikrofone problematisch, in ungünstigen Fällen fängt das Raum-Mikrofonpaar zuviel Direktschallanteile ein. Beim Hörer ist dann eine präzise Ortung der Schallquellen evtl. nicht möglich.
Das neue System heißt OSIS 321, Jürg Jecklin hat es dankenswerterweise in einem ausführlichen PDF-Dokument beschrieben.Wesentliche Neuerungen: für die rückwärtigen Kanäle wird das nach bisheriger Lehre undenkbare eingesetzt: eine Jecklin-Scheibe mit Nieren-Mikrofonen.Die Scheibe wird benötigt, weil zur maximalen Auslöschung der Direktschallanteile eine parallele Ausrichtung der beiden Mikrofone erforderlich ist. Für die Frontkanäle wird eine übliche Jecklin-OSS-Scheibe mit zwei Kugelmikrofonen eingesetzt, ergänzt durch ein stark gerichtetes Mikrofon (Keule) für den Center-Kanal.
Jecklin hat eine Demo-CD produziert (dts-codiert), Bezugsmöglichkeit derzeit unklar.
NEU [August 2004]: die Musikhochschule Zürich hat eine SACD mit Werken von Rihm und Strawinskij produziert, Tonmeister: Jürg Jecklin. Die Produktion kann direkt bei der Musikhochschule bezogen werden. Infos hier.
Zu der Produktion gibt es einen ausführlichen Bericht mit zusätzlichen Erläuterungen zum OSIS-321-System.
Das Thema "Quadrophonie/Surround
im Rundfunk" ist zur Funkausstellung 2003 wieder aktuell geworden.
Der Bayerische Rundfunk und der WDR sendeten während der
Messe ein Surround-Versuchsprogramm über einen eigens eingerichteten Radiokanal
im DVB-Paket der ARD (über den Satelliten Astra). In einer Fortsetzung
dieses Versuchs werden ab 31. Oktober 2003 im 14-Tage-Rhythmus Mehrkanalton-Sendungen
im Rahmen des ARD-Nachtkonzertes ausgestrahlt. Der Mehrkanalton ist dabei
mit Dolby AC3 codiert.
Laufende Surround-Testsendungen bietet der WDR ebenfalls über Astra / DVB, hierzu gibt es hier eine Informationsseite.